Mein Körper, meine Regeln: Die Folgen sexueller Gewalt und die Rückeroberung der eigenen Sexualität
- Sibylle Frei
- 15. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Sexualisierte Gewalt ist ein tiefgreifender Eingriff in die intimste Sphäre und die persönliche Integrität eines Menschen. Traumatische Ereignisse überfordern oftmals unsere individuellen Bewältigungsstrategien (Maercker & Ehlert, 2001). Da wir dies als Gesellschaft häufig nicht klar benennen und anerkennen, schweigen viele Betroffene jahrelang aus Scham, Schuldgefühlen und Angst vor Ablehnung (Büttner, 2019; Maercker, 2004). Die unsichtbaren Folgen verändern unser Erleben von Intimität, unseren Körperbezug und unsere Sexualität.
Das Nervensystem im Überlebensmodus: Der Verlust der körperlichen Balance Ein sexuelles Trauma ist neben der psychischen Belastung auch ein körperliches Geschehen, welches das autonome Nervensystem aus dem Gleichgewicht bringen kann. Zwischen der autonomen Balance unseres Nervensystems und der sexuellen Erregung besteht ein direkter Zusammenhang. Nach einem Trauma verharrt das sympathische Nervensystem (Sympathikus) häufig in einer chronischen Alarmbereitschaft. Diese Überaktivität kann die natürliche sexuelle Erregung und die Orgasmusfähigkeit hemmen (Lorenz et al., 2015). Die flexible Fähigkeit des Körpers, zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln, ist oft beeinträchtigt.
Fehlt das grundlegende Sicherheitsgefühl in der Intimität, zeigen sich unbewusste Stressreaktionen, die das sexuelle Erleben prägen. In sexuellen Situationen verfällt der Körper dann in Überlebensstrategien (Bischof-Campbell, 2025):
Fight (Kampf): Betroffene reagieren beim Sex unbewusst mit innerer Unruhe, Wut oder dem Bedürfnis nach Kontrolle.
Flight (Flucht): Hier dominieren Fluchtgedanken, eine erhöhte Wachsamkeit (Hypervigilanz) und Ängstlichkeit, was sich oft auch in einer starken Leistungsorientierung während des Geschlechtsverkehrs zeigt.
Freeze (Erstarren): Der Körper fühlt sich blockiert an, die Situation wird als unsicher wahrgenommen. Es können Panik oder ein Gefühl der Überforderung entstehen, was manchmal in eine Dissoziation mündet.
Shut-down (Abschalten): Um den Schmerz nicht spüren zu müssen, schaltet das System ab. Es kommt zu emotionaler Taubheit, Erschöpfung und einem inneren Rückzug aus der sexuellen Begegnung.
Die direkten Folgen für die Sexualität
Diese physiologische Dysregulation zeigt sich in der Sexualität. Wenn der Körper Intimität als unsicher abspeichert, greift er auf automatische Schutzmechanismen zurück. Zu den häufigsten traumabedingten Folgen zählen:
Der "archaische Modus" und körperliche Beschwerden: In intimen Momenten, die als unsicher empfunden werden, verfällt der Körper oft in einen sogenannten "archaischen Modus". Dieser ist gekennzeichnet durch eine flache Atmung, wenig Körperbewegung und einen dauerhaft hohen Muskeltonus (Bischof, 2018). Diese chronische Anspannung, die besonders im Beckenboden auftritt, kann zu körperlichen Beschwerden führen. Der Beckenboden verschliesst sich schützend, was Penetration schmerzhaft machen kann. Die Folgen sind Beschwerden wie Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Vaginismus (Verkrampfung der Scheidenmuskulatur), Vulvodynie und chronische Unterbauchschmerzen (Lorenz et al., 2015; Büttner & Heinzl, o. J.).
Taubheit, Dissoziation und Amnesie: Um emotional fordernde sexuelle Situationen auszuhalten, spaltet sich der Körper mitunter vom aktuellen Geschehen ab. Intimität wird oft nur noch passiv über sich ergehen gelassen. Es entstehen Taubheitsgefühle oder dissoziative Amnesien (Erinnerungslücken) während sexueller Handlungen, die als unbewusster Schutzmechanismus des Gehirns fungieren (Lorenz et al., 2015).
Entfremdung der Genitalien: Traumatisierte Menschen nehmen ihre eigenen Geschlechtsorgane oft als vom restlichen Körper abgespalten wahr. Die Genitalien sind mit Scham oder Angst besetzt und fühlen sich für die Betroffenen an wie "enteignet" oder fremdbestimmt (Anderson-Schmidt et al., 2021; Bischof-Campbell, 2025).
Lustverlust und Vermeidungsverhalten: Da Intimität, sexuelle Erregung und der eigene Körper als belastend empfunden werden, reduziert sich die sexuelle Lust oft deutlich. Viele Betroffene ziehen sich aus ihrem sexuellen Körper zurück und vermeiden sexuelle Begegnungen (Lorenz et al., 2015).
Sich wieder verkörpern: Den eigenen Körper zurückerobern
Um aus dieser Dynamik von körperlichen Beschwerden, Taubheit und Dissoziation herauszufinden, ist es essenziell, die Verbindung zum eigenen Körper schrittweise wiederherzustellen. Es geht um eine sprichwörtliche „Rückeroberung der Genitalien“ und der eigenen Sexualität (Bischof-Campbell, 2025).
Das primäre Ziel ist es, vom passiven Erleben wieder in einen aktiven, vertrauten und selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper zu finden. Ein wichtiger Aspekt der Heilung besteht darin, die eigene Körperpräsenz in den betroffenen Körperteilen zurückzugewinnen und diese wieder liebevoll in das eigene Körperbild zu integrieren (Kaul & Fischer, 2016). Durch diese bewusste Verkörperung (Embodiment) lernt das Nervensystem wieder, Sicherheit zu empfinden. Die eigene Sexualität darf wieder zu einem sicheren Ort der Lust und der Freude werden, in dem die eigenen Regeln und Grenzen gelten.
Interdisziplinäre Begleitung: Dein Weg zur Rückeroberung
Da die Aufarbeitung eines Traumas ein vielschichtiger Prozess ist, arbeite ich in meiner Praxis bewusst interdisziplinär. Wenn du dich bereits bei einer Psychologin oder/und Traumatherapeutin in Behandlung befindest, kannst du sehr gerne punktuell zu mir in die Sexualberatung kommen. Mein Fokus liegt dann gezielt darauf, dich dabei zu begleiten, deine Sexualität und deinen Körper schrittweise zurückzuerobern.
Auf deinen Wunsch hin spreche ich mich auch eng mit deiner behandelnden Therapeutin oder deinem Therapeuten ab. So stellen wir gemeinsam sicher, dass das sensible Thema Sexualität gut, sicher und im richtigen Tempo in deinen gesamten Heilungsprozess eingebettet wird.
Du hast Fragen zu diesem Thema, erkennst dich in den Reaktionen wieder oder möchtest Unterstützung auf deinem Weg der körperlichen Rückeroberung?
Melde dich gerne jederzeit bei mir. Ich biete dir einen vertrauensvollen, bewertungsfreien und sicheren Raum, um deine Anliegen in deinem eigenen Tempo anzugehen.
Bis bald, liebe Grüsse, Sibylle
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Wissenschaftliche Grundlage dieses Beitrags
Dieser Blogbeitrag basiert auf den fundamentalen Erkenntnissen und Recherchen meiner eigenen Masterarbeit: Frei, Sibylle (2025). Physiologische Aspekte im Kontext von sexuellem Trauma: Ein Blick auf Interventionen, die auf der Polyvagaltheorie und auf ausgewählten anderen Ansätzen basieren – zur Unterstützung traumatisierter Menschen auf dem Weg zu posttraumatischem Wachstum.
Ich habe diese Arbeit am Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie Zürich (ISP Zürich) in Kooperation mit der Hochschule Merseburg verfasst. Begleitet und begutachtet wurde sie von meinem Betreuer Dr. Heinz Jufer sowie der Zweitgutachterin Prof. Maika Böhm – und ich freue mich sehr und bin zutiefst dankbar, an dieser Stelle teilen zu dürfen, dass die Arbeit mit der Note 5.75 abgeschlossen wurde. Es ist mein grösstes Anliegen, fundiertes Wissen zu diesem Thema zugänglich zu machen, umfassend aufzuklären und den Menschen aufzuzeigen, welche konkreten und heilsamen Therapieansätze ihnen zur Verfügung stehen.



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