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Wenn der Körper nicht vergisst: Die unsichtbaren Folgen sexualisierter Gewalt


 

 

In den Medien wird aktuell viel über sexualisierte Gewalt berichtet. Meist steht in der Öffentlichkeit die Tat selbst im Vordergrund. Als Sexologin M.A.  setze ich mich jedoch intensiv mit einer ganz anderen Seite auseinander: Den tiefgreifenden, langfristigen und oft unsichtbaren Spuren, die solche Erlebnisse im Körper und in der Seele der betroffenen Menschen hinterlassen.

Es ist mir ein absolutes Herzensanliegen, genau darüber aufzuklären. Ich möchte dir heute zeigen, was nach einem sexuellen Trauma eigentlich im Körper und in der Psyche passiert – und warum es so unglaublich wichtig ist, dass wir hier liebevoll, achtsam und genau hinsehen.


Ein Trauma ist nicht selten, sondern überfordernd 

Der Forscher Prof. Andreas Maercker spricht mir aus der Seele, wenn er darauf hinweist, dass sexuelle Traumata in unserer Gesellschaft leider immer noch massiv tabuisiert und unterschätzt werden. Er sagt etwas sehr Spannendes zur Definition: Ein Trauma wird oft nicht als solches benannt, weil man früher dachte, es müsse ein extrem seltenes, völlig aussergewöhnliches Ereignis sein. Maercker stellt aber klar, dass traumatische Ereignisse nicht aufgrund ihrer Rarität aussergewöhnlich sind – sie passieren leider sehr oft –, sondern deshalb, weil sie unsere individuellen Bewältigungsstrategien massiv überfordern (Maercker & Ehlert, 2001). Weil wir das als Gesellschaft oft nicht klar benennen und anerkennen, schweigen unzählige Betroffene aus tiefer Scham (Maercker, 2004).


Das Dunkelfeld und die familiären Dynamiken 

Dieses Schweigen spiegelt sich in erschütternden Zahlen wider: Laut Kinderschutz Schweiz erlebt allein hierzulande rund jedes siebte Kind mindestens einmal sexuelle Gewalt mit Körperkontakt (Kinderschutz Schweiz, 2025). Das sogenannte Dunkelfeld liegt jedoch noch viel höher, da unglaublich viele Fälle nie gemeldet werden (Büttner, 2019; Maercker, 2004).


Ein wesentlicher Grund für dieses Dunkelfeld ist die Tatsache, dass viele Übergriffe im nahen, familiären Umfeld geschehen (Kaul & Fischer, 2016). Wenn ein sexueller Übergriff durch ein Familienmitglied verübt wird, bricht für die Betroffenen oft die ganze Welt zusammen: Sie sind plötzlich genau von jenen Menschen abgeschnitten, die ihnen eigentlich Schutz und Halt geben müssten (Kaul & Fischer, 2016). Um das familiäre System nach aussen zu wahren, wird das Erlebte häufig als tiefes "Geheimnis" behandelt, das niemand erfahren darf (Eger, 2025). Anstatt sich schützend vor die betroffene Person zu stellen, bewirkt dieses familiäre Schweigen und Wegsehen oftmals, dass stattdessen die Täter*innen geschützt werden (Kaul & Fischer, 2016; Eger, 2025). Erdrückende Gefühle von Scham, Schuld und die nackte Furcht vor familiärer Ablehnung hindern die Menschen zusätzlich daran, über ihre Erfahrungen zu sprechen (Büttner, 2019; Maercker, 2004).


Dieses Dunkelfeld betrifft Frauen sehr häufig. Bei Männern gehen wir von einer noch weitaus grösseren Dunkelziffer aus, da gesellschaftliche Rollenbilder das Sprechen über die erfahrene Gewalt und das Gefühl von Ohnmacht für sie oft noch schwieriger machen.

Mir ist an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis wichtig: Die in diesem Artikel aufgezeigten körperlichen Symptome und Dynamiken des Nervensystems sind bei physischem und psychischem Missbrauch sehr ähnlich. Ich lege hier jedoch ganz bewusst den Fokus auf die Folgen von sexualisierter Gewalt.


1. Die psychischen Folgen: Unsichtbare, aber tiefe Wunden

Die Erkenntnisse der Traumaforschung zeigen immer wieder, wie tiefgreifend die seelischen Folgen sexueller Traumata das gesamte Selbst- und Weltverständnis eines Menschen erschüttern (Fischer & Riedesser, 2020). Das Risiko, nach einem sexuellen Trauma eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine Komplexe PTBS (KPTBS) zu entwickeln, ist extrem hoch (Schäfer et al., 2019; Müller et al., 2022).

Oftmals leiden die betroffenen Menschen unter einer Vielzahl von Symptomen (Schäfer et al., 2019; Abraham, 2017):

  • Depressionen und Angststörungen.

  • Essstörungen.

  • Somatoforme Störungen (also echte körperliche Beschwerden, für die Ärzte organisch keinen Befund finden).

  • Substanzmissbrauch und Suchterkrankungen.

  • Bindungs- und Beziehungsprobleme sowie das Gefühl einer chronischen inneren Leere.


Gerade diese Bindungsthemen sind ein zentraler Aspekt bei der Aufarbeitung sexueller Traumata. Es lässt sich oft beobachten, dass Betroffene immer wieder in ähnliche, schmerzhafte Beziehungsmuster geraten (Schäfer et al., 2019). Mir ist es so wichtig, an dieser Stelle zu betonen: Dies ist absolut kein persönliches Versagen. Es ist vielmehr ein unbewusster, hochintelligenter Heilungsversuch des Nervensystems (eine sogenannte Reinszenierung). Das System versucht, das, was aus der Vergangenheit vertraut ist, neu zu verhandeln und endlich zu heilen – stets mit der tiefen Hoffnung auf einen besseren Verlauf (Jacomet, 2025; Honauer, 2025).

Ein Ausbruch aus diesen Mustern ist möglich, wenn wir gemeinsam ein Bewusstwerden dafür schaffen, mit welcher Herkunftsfamilie und mit welchen dysregulierten Nervensystemen wir eigentlich aufgewachsen sind. Wenn wir daran nicht arbeiten, besteht die Gefahr, in unbewussten Opfer-Täter-Dynamiken (der sogenannten „Täter-Opfer-Fusion“) zu landen, in denen die zwei Menschen in der Beziehung die Rollen abwechseln (Honauer, 2025). Das grosse Ziel in einer tiefgreifenden Heilung ist es, psychisch erwachsen zu werden und diese verletzten Anteile liebevoll zu integrieren. Durch dieses Nachreifen gelingt es dir, aus diesen Dynamiken auszusteigen, um weder Opfer noch Täter*in zu werden, sondern freie, erwachsene und erfüllende Beziehungen zu leben (Fischer & Manser, 2025; Honauer, 2025). Auf diese so wichtigen Bindungsthemen werde ich sehr gerne in einem weiteren Blogartikel für dich genauer eingehen.


Ein zentrales Phänomen ist zudem, dass einige Menschen gar nicht bewusst wissen, ob sie überhaupt ein sexuelles Trauma erlebt haben. Erinnerungen an bedrohliche Geschehnisse sind oft nur unbewusst oder bruchstückhaft im Körper gespeichert. Um dein emotionales Überleben zu sichern, greift dein Gehirn zu einem brillanten Schutzmechanismus: der Dissoziation. Es spaltet Gefühle, Körperwahrnehmungen oder Erinnerungen einfach ab, um dich zu schützen (Huber, 2020; Müller et al., 2022). So entstehen Erinnerungslücken, die Betroffene oft erst Jahre später bemerken.


2. Die körperlichen Folgen: Wenn das Symptom eigentlich ein Hilferuf ist 

Ich betone deshalb immer wieder: Ein sexuelles Trauma ist immer auch ein körperliches Trauma. Der Organismus wird in der Situation massiv mit Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin überflutet (Lorenz et al., 2015; Eichenberg & Zimmermann, 2017). Das kann das Immunsystem langfristig schwächen und wesentliche Körperfunktionen beeinflussen (Ali et al., 2024; Van der Kolk, 2023).

Zu den dokumentierten physischen Folgen zählen:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkte (Irish et al., 2010; Fisher-Goldsmith et al., 2017).

  • Stoffwechsel- und Immunerkrankungen: Diabetes, Autoimmunerkrankungen und eine generelle Infektionsanfälligkeit (Ali et al., 2024).

  • Magen-Darm-Erkrankungen: Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung und Durchfall (Ali et al., 2024; Jacomet, 2025).

  • Chronische Schmerzsyndrome: Fibromyalgie (Weichteilrheuma), Migräne sowie unerklärliche Rücken- und Beckenschmerzen (Jina & Thomas, 2013; Schou-Bredal et al., 2022).

Besonders in der Urogenitalzone zeigen sich sehr häufig Folgen. In der Sexualität äussert sich ein dysreguliertes Nervensystem oft durch Vaginismus (das krampfartige Verschliessen des Beckenbodens), Dyspareunie (Schmerzen beim Sex) oder eine völlige Gefühllosigkeit (Lorenz et al., 2015; Bischof-Campbell, 2025). Oft beschreiben Frauen den schmerzhaften Zustand, dass sich die eigenen Genitalien fremd oder „enteignet“ anfühlen (Anderson-Schmidt et al., 2021). Und ein weiterer, ganz essenzieller Punkt ist der Atem: Als Grundregulation des Körpers ist er oft gestört. Betroffene atmen vielfach extrem flach oder beschreiben das Gefühl, „nur noch einschnaufen und nicht mehr ausschnaufen“ zu können (Honauer, 2025).


Wichtig ist mir, dass du verstehst: Manchmal steht hinter deinen konkreten Krankheitsbildern ein tiefes Trauma, das wir sanft behandeln müssten, anstatt nur die sich aufzeigende Krankheit zu bekämpfen. In der westlichen Medizin wird jedoch leider häufig nur das oberflächliche Symptom behandelt, ohne die tieferen Ursachen im Nervensystem überhaupt zu adressieren (Maté & Maté, 2025; Jacomet, 2025).


3. Warum auch Worte, sexualisiertes Verhalten und Blicke verletzen – auch digital 

Es wird so oft angenommen, dass ein Trauma zwingend eine direkte körperliche Gewalteinwirkung voraussetzt. Doch unser autonomes Nervensystem ist viel feiner. Es verfügt über einen unbewussten Prozess namens „Neurozeption“ (Dana, 2021; Porges, 2022). Es scannt unsere Umgebung blitzschnell und fortwährend auf feinste Reize ab – wie kleinste Nuancen in der Mimik, der Stimme oder eben auch Blicke und digitale Nachrichten (Dana & Porges, 2022; Porges, 2007). Erlebt dein System sexistisches Verhalten oder verbale und digitale Grenzverletzungen, registriert dein Gehirn dies bereits als absolute Bedrohung. Dein Körper schaltet sofort in Überlebensreaktionen um (Porges & Kierdorf, 2021). Die physiologische Belastung für den Körper ist absolut real, auch wenn keine physische Berührung stattgefunden hat (Lorenz et al., 2015).

Der Arzt und Autor Dr. Gabor Maté beschreibt in diesem Zusammenhang sehr treffend den „Mythos des Normalen“ (Maté & Maté, 2025). Wir erkennen Traumata oft gar nicht mehr, weil so viele Menschen in einem chronischen Stresszustand leben, dass wir diesen dysregulierten Zustand längst als „normal“ einstufen. Viele funktionieren im Alltag scheinbar gut, fühlen sich aber emotional nicht mehr lebendig oder adäquat (Jacomet, 2025; Maté & Maté, 2025).


4. Transgenerationale Traumata: Wenn das Nervensystem vererbt wird 

Ein weiterer, sehr weitreichender Aspekt liegt oft in unserer Ahnenlinie: Traumata können über Generationen hinweg weitervererbt werden (Maté & Maté, 2025).

Durch epigenetische Prozesse werden physiologische Veränderungen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Das bedeutet: Das Nervensystem wird förmlich von den Vorfahren übernommen. Du trägst dann vielleicht die ungelöste Überlebensenergie, den chronischen Stress oder Symptome deiner Eltern oder Grosseltern in dir, obwohl das ursprüngliche Erlebnis lange in der Vergangenheit liegt (Maté & Maté, 2025).

Mir ist an dieser Stelle ein Gedanke von Herzen wichtig: Gerade beim transgenerationalen Thema geht es niemals um Schuldfragen. Wenn dir oder deinen Vorfahren psychische, physische oder sexualisierte Gewalt angetan wurde, ist das absolut nicht deine Schuld. Oft entstehen aus diesen tiefen Verletzungen jedoch unbewusste Überlebensmuster und Prägungen, die dein heutiges Leben und auch das deiner Mitmenschen beeinflussen. Es geht hier vielmehr um unsere eigene, liebevolle Verantwortung – darum, wie wir uns heute verhalten, ob bewusst oder unbewusst. Wir sind verantwortlich für uns selbst, aber ebenso für unsere Nächsten und das Umfeld, in dem wir leben. Wenn wir diese Eigenverantwortung mutig annehmen und beginnen, unsere Muster sanft zu erkennen und zu heilen, durchbrechen wir alte Kreisläufe. Damit entlasten wir nicht nur uns selbst, sondern schenken auch den Generationen, die nach uns kommen, eine freiere Zukunft (Perren-Klingler, 2002).


Warum ich meine Masterarbeit darüber geschrieben habe – und wie unser Weg weitergeht 

Genau all diese tiefen, oft unausgesprochenen Zusammenhänge waren der grosse Antrieb für meine wissenschaftliche Forschung. Ich wollte als Sexologin fundiert aufzeigen, dass der Körper durch verschiedenste Symptome auf sich aufmerksam macht, diese aber oft einfach nur der laute Ausdruck eines dysregulierten Nervensystems sind. Wenn der Körper solche Symptome aufzeigt, ist eine Heilung auf einer tieferen Ebene – durch eine fundierte Traumabehandlung – wichtig (Jacomet, 2025; Anderson-Schmidt et al., 2021).


Wenn wir das Traumathema ausklammern, zeigt uns der Körper immer weitere und andere Symptome, weil er deine Selbstheilung eigentlich aktivieren möchte. Dein Körper will "gesehen" und "gehört" und auf einer tieferen Ebene adressiert werden (Jacomet, 2025; Levine, 2023).

Es ist oft so unfassbar befreiend, das alles überhaupt erst einmal kognitiv zu verstehen. Es hilft enorm für eine erste Orientierung (Willach-Holzapfel & Dressler-Bellmund, 2017). Es tut einfach gut zu merken: Ich bin nicht falsch, mein Körper reagiert völlig logisch, und es gibt klare Begrifflichkeiten für das, was ich spüre.


Es gibt wundervolle, gezielte Traumabehandlungen. Dieser Weg braucht Zeit, Geduld und Energie (Jacomet, 2025), aber es wird auch wieder tief gebundene Energie frei für dein wahres, authentisches Leben – für deine sogenannte Potenzialidentität (Honauer, 2025). Darin liegt eine unglaubliche Chance. Es gibt nach dem Trauma ein posttraumatisches Wachstum, das heisst: ein echtes, lebendiges Leben nach dem Trauma (Tedeschi & Calhoun, 1996; Mangelsdorf, 2020).

Die Angst vor der Konfrontation mit diesem Thema kann am Anfang sehr gross sein, und das ist völlig normal (Honauer, 2025). Genau deshalb sind bei einer therapeutischen Aufarbeitung langsame, achtsame Schritte so wichtig, ebenso wie ein tiefes Vertrauen und eine absolute Sicherheit in dem Raum, der dafür kreiert wird (Dana & Porges, 2022; Honauer, 2025).

Ich möchte dir von Herzen sagen: Der erste Schritt in Richtung Heilung ist, nicht länger alleine damit zu bleiben.


Bis dahin bin ich gerne für dich da. Wenn du dich in einigen dieser Zeilen wiedererkennst oder als Angehörige*r Fragen hast, kannst du dich jederzeit bei mir melden. Ich berate dich ganz individuell, welche Möglichkeiten der tieferen Heilung es für dich gibt, und leite dich bei Bedarf an die passenden Therapiestellen weiter. Du musst diesen Weg wirklich nicht mehr alleine gehen.

In weiteren Blogartikeln werde ich sehr gerne auf zusätzliche Themen und Methoden eingehen, die ich in meiner Masterarbeit ausführlich recherchiert habe – wie beispielsweise Atemtechniken, Körperarbeit oder ressourcenorientierte Ansätze. Ich freue mich darauf, dich weiter auf dem Laufenden zu halten.

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Wissenschaftliche Grundlage dieses Beitrags 

Dieser Blogbeitrag basiert auf den fundamentalen Erkenntnissen und Recherchen meiner eigenen Masterarbeit: Frei, Sibylle (2025). Physiologische Aspekte im Kontext von sexuellem Trauma: Ein Blick auf Interventionen, die auf der Polyvagaltheorie und auf ausgewählten anderen Ansätzen basieren – zur Unterstützung traumatisierter Menschen auf dem Weg zu posttraumatischem Wachstum.

Ich habe diese Arbeit am Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie Zürich (ISP Zürich) in Kooperation mit der Hochschule Merseburg verfasst. Begleitet und begutachtet wurde sie von meinem Betreuer Dr. Heinz Jufer sowie der Zweitgutachterin Prof. Maika Böhm – und ich freue mich sehr und bin zutiefst dankbar, an dieser Stelle teilen zu dürfen, dass die Arbeit mit der Note 5.75 abgeschlossen wurde. Es ist mein grösstes Anliegen, fundiertes Wissen zu diesem Thema zugänglich zu machen, umfassend aufzuklären und den Menschen aufzuzeigen, welche konkreten und heilsamen Therapieansätze ihnen zur Verfügung stehen.

 
 
 

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